"Aktion brauner Sack" zeigt Wirkung - Skandalöses Vorgehen der Polizei
Faschistische Schläger durften nach Prügeleien gegen Protestierende erneut Infostand in Wandsbek aufbauen

Das Hamburger Bündnis gegen Rechts (HBgR) zur "Aktion brauner Sack" am 15. August 2009 in Barmbek und Wandsbek

Die Ereignisse

Schon vor 9.00 Uhr stand an der Ecke Fuhlsbüttler Str. / Hartzloh direkt vor einem Schaufenster eines als liberal bekannten Buchladens ein Infostand der NPD. Mit etwa 20 Personen, die zu einem großen Teil dem Klischee der "bulligen Glatze" entsprachen, war der Stand deutlich stärker besetzt als in der Vergangenheit. Nach und nach sammelten sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite etwa 80-100 Menschen, die gegen die Verbreitung faschistischer und rassistischer Propaganda ihre Ablehnung ausdrücken wollten. Das HBgR war ebenso vertreten wie die Barmbeker Initiative gegen Rechts. Junge und Ältere sowie VertreterInnen verschiedenster politischer Couleur aus Barmbek und anderswo machten ihrem Unmut mit Transparenten, Umhängeschildern, braunen Säcken, T-Shirts und Flyern gegen den NPD-Infostand Luft. Ein älterer Mann, der seine politische Meinung gegen die Nazis mit einem Eimer Wasser ausdrückte, wurde sofort körperlich durch einen Schläger angegriffen und erlitt Prellungen, die Polizei entfernte diesen anschließend. Eine Gruppe junger AntifaschistInnen versuchte kurz danach, an den Infostand heranzukommen.

Innerhalb kürzester Zeit eskalierte daraufhin die Polizei die Situation durch höchst aggressives Eingreifen gegen alle Protestierenden. Die versammelten AntifaschistInnen auf der anderen Straßenseite wurden komplett zusammengetrieben. Dies geschah neben einem sehr heftigen körperlichen Wegdrängen, ohne Rücksicht auf Ältere, auch unter Einsatz von Schlagstöcken. In dem Gerangel wurde ein junger Antifaschist mit leuchtend blauer (!) Jacke höchst aggressiv festgenommen. Dabei kamen sowohl AntifaschistInnen als auch PolizistInnen mehrfach zu Fall. Dann wurden schwarz gekleidete jüngere AntifaschistInnen weit abgedrängt und erhielten Platzverweise. Dies geschah etwa zeitgleich mit der Anmeldung einer Kundgebung unter dem Motto: „Keine Stimme den Nazis“, um einen gewissen rechtlichen Schutz zu gewährleisten. Die Polizei machte deutlich, dass sie Menschen in schwarzer Kleidung nicht dulden würden. Es sei an dieser Stelle deutlich gesagt: Das Hamburger Bündnis verwehrt sich gegen eine solche Art von Kleiderordnung und verurteilt das Vorgehen der Polizei!

Nachdem die Protestierenden die Situation etwas beruhigen konnten, konnten weiter Flugblätter an die Bevölkerung verteilt und Aufklärungsgespräche mit den PassantInnen geführt werden. Die Reaktionen waren in der Regel überaus positiv. Die brauenen Säcke jedoch füllten sich kaum, da offensichtlich kaum jemand an der Propaganda der NPD interessiert war.

Vorbestrafter Nazischläger greift Passantin an

Ein weiterer schwerwiegender Angriff gegen eine Frau fand gegen Ende der NPD-Präsenz in Barmbek statt. Die 43jährige Frau in Begleitung einer oder mehrerer Freundinnen nahm nach ihren Angaben im Vorbeigehen am Infostand 2-3 Zettel mit und wurde daraufhin massivst von mehreren Nazis zugleich angegriffen. Sie stürzten sich auf sie und verprügelten sie mit der Faust und Fußtritten. Sie hatte sichtbar blau werdende Schwellungen im Gesicht, beginnende Hämatome am Unterarm. Inzwischen hat auch die Hamburger Presse über den Vorfall berichtet. "Die Männer haben mich richtig angesprungen. Ich fiel zu Boden, ein Mann lag auf mir drauf. Sie schlugen und traten mich." (Mopo vom 17.08.2009) Von einer weiteren Frau aus dieser Gruppe wurde durch Freundinnen berichtet, dass sie einen Schlag auf den Brustkorb bekommen hat, der so heftig war, dass sich ein Abdruck abzeichnete.

Es wurde bei diesem Vorfall mindestens ein Nazi festgenommen und in Plastikhandschellen abgeführt.

Bei einem Schläger handelt es sich um den 49jährigen Detlev Brüel. Er nimmt in letzter Zeit regelmäßig an NPD-Infoständen und Aufmärschen teil. Er begann 1981/82 seine Karriere bei einer "Wehrsportgruppe Blankenese", ging dann zur inzwischen verbotenen ANS/NA von Kühnen und war in den 90ern Funktionär der ebenfalls verbotenen FAP. Brüel wurde 1993 vom Landgericht Hamburg zu fünf Jahren Haft wegen versuchten Mordes verurteilt. Er ist weiterhin mehrfach vorbestraft u. a. wegen schwerem Landfriedensbruch, Körperverletzung, gefährlicher Körperverletzung und gemeingefährlicher Körperverletzung, wegen Widerstandes gegen Beamte und wegen Verstoß gegen das Uniformverbot. Ein echter Nazischläger eben.

Kurz danach lösten die Nazis den Infostand auf, um gesammelt mit dem Bus nach Wandsbek zu fahren und dort einen weiteren Infostand zu machen. Ein Busfahrer (mit Migrationshintergrund) der Linie 39 zeigte Zivilcourage, verweigerte die Mitnahme energisch und fuhr ohne die Nazis los. Es wurde berichtet, er habe gesagt, wenn er Angst habe, brauche er die Fahrgäste nicht mitzunehmen.

Der nachfolgende reguläre und mit normalen Fahrgästen besetzte Bus der Linie 172 nahm die Meute mit. Der Fahrer hatte ebenfalls einen Migrationshintergund möglicherweise nicht realisiert, wen er sich da an Bord geholt hat. Die Polizei wurde eindringlich auf einen Vorfall nach dem letzten Infostand in Neuwiedenthal hingewiesen, wo ein Genosse im Rollstuhl in einem öffentlichen Verkehrsmittel derart verbal von den Nazis bedroht wurde, dass er Todesängste hatte. Anschließend fuhren drei Fahrzeuge der Polizei mit Blaulicht dem 172er hinterher.

Die Bewertung der Ereignisse

Skandalös ist in den Augen des HBgR der Umstand, dass nach zwei heftigen körperlichen Attacken auf AntifaschstInnen und zwei Festnahmen der Faschisten es überhaupt möglich sein konnte, dass sie in einen öffentlichen Bus steigen und nach Wandsbek Markt fahren und sich dort mit den gleichen Leuten –bis auf die Festgenommenen- wieder einen Infostand aufbauen konnten. Jede andere politische Gruppe hätte sich nach unserer Einschätzung ein Verbot für einen weiteren Infostand eingehandelt. Es war völlig unverkennbar, dass die Nazis mit ihren bulligen Schlägern eine öffentliche Gefahr darstellen. Auch in Wandsbek wurden Passanten beleidigt. Ein deutscher Mann berichtete, dass er im Vorbeigehen wegen seines leicht südländischen Aussehens mit den Worten „Schon wieder einer von diesen Ausländern.“ bedacht wurde. Ein Passanten-Ehepaar im mittleren Alter und eine Verteilerin von Flyern im Gespräch wurden von einer sechs bis acht Mann starken stiernackigen Truppe offenbar gezielt angerempelt. – In Wandsbek verhielt sich die Polizei ziviler; auch schwarze Kleidung gab nun keinen Anlass mehr zu polizeilichem Ausschluss vom Protest.

Aus all dem lässt sich u. E. schließen, dass die Fassade bröckelt, und NPD und ihre Schläger ihr tatsächliches Gesicht auch bei ihren Infoständen zeigen, dass sie nervös werden, weil ihnen die Kampagne zu schaffen macht,
dass die Aktion "brauner Sack" sichtbar durch (zum Teil sehr) positive Reaktionen auf unsere Aktion seitens zahlreicher Passanten in beiden Bezirken begrüßt wird, dass allerdings so niedrigschwellig die Aktion nicht ist und von daher der Schutzaspekt verstärkt beachtet werden muss, dass wir die Entscheidung der Polizei, den 2. Infostand in Wandsbek nach den Vorfällen zuzulassen, ein Skandal ist!

Wir werden weiter machen und andere aufrufen mitzumachen, um Bürgersteige, Straßen, Köpfe und Herzen nicht dem braunen Mob überlassen.